„Superstar ist kein Beruf“

Sie liebt Adam Green, Mando Diao, Moneybrother, trägt keine Hausschuhe und trinkt keinen Alkohol. Die Zeitschrift ‘Neon’ wählte die 27-jährige MTV-Moderatorin Sarah Kuttner jüngst unter die Top 100 der wichtigen jungen Deutschen. Im Interview äußert sich die Tochter des Berliner Radiotalkers Jürgen Kuttner zu grauen Haaren, Neidern und dem beruflichen Alltag in ‘ihrem’ Musiksender.

Frage: 27 Jahre alt, erfolgreiche Moderatorin, jetzt auch noch Buchautorin. Darf man noch Sarah sagen, oder muss man Sie jetzt Frau Kuttner nennen?

Sarah Kuttner: Frau Kuttner fände ich wichtig. Nein, man darf Sarah sagen. Das ist noch okay.

Frage: Das Buch ist geschrieben. Was kommt jetzt? Ein Kinofilm, startest du eine Schauspielkarriere?

Kuttner: Ne, ich mache jetzt einfach meine Sendung weiter. Das Buch habe ich in dem Sinne ja auch nicht geschrieben. Das ist ja nur eine Sammlung von Sachen, die ich nebenbei mache. Für mehr habe ich wegen der Sendung auch gar keine Zeit.

Frage: Was war das letzte Buch, das du gelesen hast?

Kuttner: „Vincent“ von Joey Goebel. Ein wahnsinniges Buch über eine fiktive Agentur, die sich zum Auftrag gemacht hat, Künstler und junge kreative Menschen zu quälen und dafür zu sorgen, dass jeder Künstler von klein auf keine Freunde hat, unglücklich ist, damit es denen immer schlecht geht, weil sie dann am kreativsten sind. Jetzt lese ich gerade zeitgleich Christian Kracht und „Greasy Lake und andere Geschichten“ von T.C. Boyle. Aber immer nur stückchenweise – passt aber gut, ist ein Kurzgeschichtenbuch.

Frage: In deinem Buch beantwortest du Fragen, wie zum Beispiel, ob du zu Hause Hausschuhe trägst. Was meinst du, wie viele das interessiert?

Kuttner: Weiß ich nicht, ist mir aber auch egal. Ich zwinge ja niemanden, das interessant zu finden. Ich habe das im Auftrag der „Süddeutschen“ gemacht, und der Fischer-Verlag findet, dass man das als Buch herausbringen sollte. Also gerne. Das muss sich von mir aus niemand kaufen. Neulich hat bei mir sogar eine Zeitung angerufen und wollte mich für ihre Reihe „Stars und ihre Hausschuhe“ in meinen Hausschuhen fotografieren. Da ich aber keine trage, hätte das nicht viel hergegeben.

Frage: Welche Tipps kannst du geben, wie man am besten MTV- Moderatorin wird?

Kuttner: In erster Linie muss man das Talent dafür haben. Wie man das herausfindet, weiß ich auch nicht. Aber wenn man gut und entspannt reden kann und auch nicht aufgeregt wird, wenn einem mehrere Leute dabei zuhören, kann das nicht schaden. Und dann echt einfach zum Casting gehen. Ich weiß, dass beide Musiksender nach wie vor immer Leute suchen. Einfach ein Band hinschicken, ruhig auch was Originelles oder wenigstens was Freches. Man hat die Chance schon, aber wenn man Schiss vor vielen Leuten hat oder nicht so gut reden kann, sind die Voraussetzungen nicht die besten.

Frage: Welche Voraussetzungen muss man darüber hinaus erfüllen, um – wie du – bei Harald Schmidt eingeladen zu werden?

Kuttner: Dann muss man eine Person des öffentlichen Lebens sein.

Frage: Das reicht für diesen „Ritterschlag“ schon aus?

Kuttner: Ich weiß nicht, nach welchen Kriterien die auswählen. Vermutlich muss man in irgendeiner Form für die Redaktion oder für Harald Schmidt interessant sein oder wenigstens nett. Aber dafür kann man keine Tipps geben. Und um wieder eingeladen zu werden, muss man wahrscheinlich nett gewesen sein.

Frage: „Deutschland sucht den Superstar“, Topmodels werden per Casting-Show im Fernsehen gesucht. Wo würdest du mitmachen?

Kuttner: Bei gar nichts. Das Ziel ist doch nicht, Superstar zu werden. Wer hat als Berufsziel Superstar? Das ist kein Beruf, sondern das wird man mit etwas, was man ganz gut kann. Wenn ich nicht MTV-Moderatorin geworden wäre, hätte ich es beim Radio probiert. Für die Modelkarriere habe ich mit 1,60 Meter ein kleines Körpergrößenproblem – da helfen selbst hohe Schuhe nichts.

Frage: Viele denken, du hast einen angenehmen Job: sich mit Musik beschäftigen, nur zwei Sendungen in der Woche. Was steckt an Arbeit dahinter?

Kuttner: Ich bin in der Woche mindestens vier Tage fest bei MTV. Ich komme mittags, gehe aber auch erst um neun oder halb zehn. Und da habe ich einen echten Bürojob, mit dem Internet-Recherchieren, um die Interviews vorzubereiten. Wir haben eine Redaktionssitzung, die ein bis zwei Stunden dauert. Ich muss entscheiden, welche Themen wir machen – und wie. Wenn andere Leute das übernehmen würden, ohne dass ich weiß, was wir in der Sendung zeigen und sagen, ginge das nicht. Also muss ich mich um alles kümmern. Da hat man einiges zu tun.

Frage: Nervt es, dass viele denken, du hättest einen lockeren Job?

Kuttner: Ach, das sind so Leute, die mich doof finden; die schreiben dann in E-Mails: „Ey, was du kannst, Alte, kann ich auch.“ Dann denke ich: Alles klar, dann komm’ vorbei und mach’s doch. Das kann nicht jeder; aber ich bin natürlich nicht die einzige, die das kann.

Frage: Darf man dir Fragen zum Quoten-Problem stellen?

Kuttner: Probiere es doch mal.

Frage: Denkst du, dass es deine Sendung nach dem Sommer noch geben wird?

Kuttner: Ich hoffe. Ich kann das jetzt nicht zu hundert Prozent versprechen, aber ich glaube, das sieht ganz okay aus mit den Quoten. Und ich weiß, dass die Sendung auch verhältnismäßig beliebt ist.

Frage: Du wirst gerne als „Berufsjugendliche vom Dienst“ bezeichnet. Wie lange wirst du deinen Job noch machen können?

Kuttner: „Berufsjugendliche“ ist natürlich in diesem Genre ein Schimpfwort, was nicht so richtig trägt. Ich bin 27, ich bin sehr wohl nicht jugendlich. Und nicht nur von Beruf. Ab Mitte 30 könnte man vielleicht anfangen, Musik-TV-Moderatoren so zu nennen. Und für solche Leute gilt das auch nur dann, wenn man sich dümmlich benimmt. Wenn man 43 ist und noch die ganze Zeit Glitzerlippenstift trägt, dann ist man berufsjugendlich. Aber man ist so jung, wie man sich fühlt. Nur wenn ich graue Haare bekomme, wird es Zeit, dass ich mich sich vom Musikfernsehen verabschiede – oder mir die Haare färbe.

Sarah Kuttner: Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens. 186 Seiten. 8,95 Euro. S. Fischer.

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