In Eldorado wird auf alle Fälle gejubelt

Miguel Bauerfeind kennen die meisten nur unter seinem Spitznamen: Miguelito – der kleine Miguel. Doch seit Wochen ist der schmächtige, knapp 1,80 Meter große Mechaniker einer der gefragtesten Männer der Stadt. Der 43-Jährige hat so viel zu tun, wie schon seit langem nicht mehr. Es scheint so, als ob fast jeder Zweite seine mehr oder weniger defekten Fernseher zum Reparieren bringen will. Die kleineren und größeren schwarzen Röhren-Fernsehgeräte stapeln sich, so dass sich der Mechaniker regelrecht durchkämpfen muss bis zum Regal in der Ecke, wo die Ordner mit den verschiedenen Schaltplänen der TV-Apparate stehen. Fußball-WM-Zeit ist bei „Miguel TV Service“ in der kleinen Keller-Werkstatt Hochsaison. Er kann derzeit keine weiteren Geräte mehr annehmen.

Von Sebastian Reichert

Miguelito ist Argentinier, ein Argentinier mit deutschen Wurzeln. Bauerfeind lautet schließlich sein Apellido, sein Nachname. Das „n“ nach „Bauer“ muss im Laufe der Dekaden seiner Familie in Südamerika wohl irgendwo verloren gegangen sein. Der TV-Mechaniker wohnt ganz im Nordosten Argentiniens. In der 100.000-Einwohner-Stadt Eldorado, drittgrößte Stadt in der Provinz Misiones, 100 Kilometer von den bekannten Iguazu-Wasserfällen entfernt. Laut Schätzungen sprechen allein in dieser Region des zweitgrößten Landes Südamerikas etwa 100.000 Menschen Deutsch. Wie viele weitere Städte in Misiones wurde auch Eldorado kurz nach dem 1. Weltkrieg von deutschen Auswanderern gegründet, die sich fern der Heimat im subtropischen argentinischen Urwald eine neue Existenz aufbauen wollten.

„Egal, wie das Spiel Argentinien gegen Deutschland am Samstag ausgeht“, sagt Bauerfeind in perfektem Deutsch. „Ich freue mich für beide Mannschaften.“ Über seinem Geschäft hängt trotzdem nur eine zwei Meter große blau-weiße Argentinien-Fahne. Auch Bauerfeind-Fast-Kundin Lidia Schleich fiebert dem Spiel zwischen dem Heimatland ihrer Eltern und ihrem Geburtsland entgegen. Die 83-Jährige mit den weißen Locken und dem gewinnenden Schmunzeln auf den Lippen hat bisher jedes Spiel Argentiniens und Deutschlands bei der WM gesehen – zu ihrem Pech auf einem etwas kleineren Ersatz-Fernseher. Ihr eigentlicher TV-Apparat gab natürlich wenige Wochen vor der Weltmeisterschaft seinen Geist auf; und Miguelito konnte schon damals keine neuen Geräte mehr zur Reparatur annehmen. „Bueno, am Samstag freue ich mich, ob Deutschland gewinnt oder ob Argentinien gewinnt – in beiden Fällen“, sagt Schleich.

Die Familie Schleich kann eine der für Eldorado und Misiones so typischen Aus- und Einwander-Geschichten erzählen. Für einige aus der ersten Schleich-Generation, gekommen aus Süddeutschland, blieb Deutsch auch nach Jahren in Argentinien die Sprache erster Wahl. Viel mehr als „Buen dia“ kam ihnen selten über die Lippen, erzählt Lidia Schleich rückblickend. Obwohl auch noch viele Deutschstämmige der dritten Einwander-Generation zumindest bis zur Einschulung sich fast nur auf Deutsch verständigten, sind sie mittlerweile nicht nur sprachlich in Argentinien angekommen. Die Konsequenz: Die meisten Einwohner Eldorados – egal, ob deutschstämmig oder nicht, egal, ob sie, wie viele in Misiones, in ihrer Freizeit Deutschland-Trikots tragen – sind bei der WM für Diego Maradona und Co.

Und wenn Argentinien, das Geburtsland der zweiten, dritten und vierten Generation der Deutschstämmigen, in Südafrika spielt und wie bisher gewinnt, beherrscht anschließend Himmelblau-Weiß eindeutig das Bild der feiernden Massen auf den Straßen Eldorados. Die Polizei sperrt die Hauptstraße, leitet Busse um, Menschen schwenken – auf der Ladefläche der für Misiones so typischen Geländewagen stehend – überdimensionale Argentinien-Flaggen. Die schwarz-rot-goldenen Fahnen, die ein einziger Stoffladen auf der Hauptstraße, der Avenida San Martin, verkauft, sind folglich ein Ladenhüter. „Davon habe ich noch keine verkauft“, erklärt eine Angestellte.

Doch ein bisschen Mitfreude mit dem Fußball-Team aus dem Land ihrer deutschen Groß- oder Urgroßeltern bleibt – wie bei Lidia Schleich und Miguel Bauerfeind. „Ich bin zufrieden, wenn Argentinien gewinnt. Schließlich habe ich einen Sohn und einen Enkel in Eldorado“, sagt ein weiterer deutschstämmiger Einwanderer der dritten Generation. „Aber ich habe auch einen Sohn und einen Enkel in München. Ich bin also glücklich, egal, wer am Samstag gewinnt.“ Die typische Gefühlslage der etwas jüngeren Deutsch-Argentinier bringt aber wohl eher Jesica Heinze auf den Punkt: „Das Herz schlägt einzig für Argentinien, obwohl sie Nachfahren von Deutschen sind“, erklärt Heinze. Die 20-Jährige ist mit dem deutschstämmigen und deutschsprachigen argentinischen Nationalspieler Gabriel Heinze verwandt und lebt in dem Heimatort des Fußballers in der Provinz Entre Rios.

Neben der eher zurückhaltenden Unterstützung des DFB-Teams von Seiten der deutschstämmigen Menschen in Eldorado sind die deutschen Wurzeln in den Städten und Dörfern, die von „blonden Gringos“ gegründet worden sind, immer noch offensichtlich. In Eldorado gibt es zum Beispiel mit dem Instituto Hindenburg eine deutsche Schule, zudem eines von insgesamt zehn deutschen Honorarkonsuln in Argentinien, eine deutsche Sprachschule, ein deutsches Reisebüro, deutschsprachige Gottesdienste der evangelischen Kirche und der Zeugen Jehovas, ein deutsches Radioprogramm und am Kiosk Zeitschriften aus Alemania. „Hallo! Alles gut?“ – „Alles gut.“ Viele Deutschstämmigen begrüßen sich auf der Straße auf Deutsch. Die Rentner gehen „cobrieren“, wenn sie ihre Pension kassieren gehen, an der Hand ihre Enkeltochter mit blonden langen Haaren. Spanische Worte und Begrüßungsfloskeln haben die Misioneros im Laufe der Jahrzehnte eingedeutscht.

So auch im ersten Schuhgeschäft am Platze, in dem Inhaber Alfonso Lang mit seinen deutschstämmigen Kunden einen kurzen Plausch auf Deutsch hält. Im Hintergrund erklingt aus den Lautsprechern „’54, ’74, ’90, 2010“ von den Sportfreunden Stiller. Sohn Luis Lang ist von Freunden aus Deutschland mit aktueller deutscher Musik versorgt worden. Einen weißen Sportschuh bietet Lang derzeit in zwei Versionen an: mit einer kleiner Applikation in himmelblau-weiß und einer in schwarz-rot-gold. „Die Leute sprechen momentan fast nur noch über das Spiel am Samstag, trauen sich aber oft nicht, einen Tipp abzugeben“, sagt der 28-jährige Luis Lang. „Alle wissen, dass Deutschland eine starke Mannschaft hat“, ergänzt Jesica Heinze. „Das Spiel wird ganz schön Nerven kosten“, sagt Miguel Bauerfeind und verabschiedet sich. Die kaputten Fernseher rufen. Wenn ein paar Quadras von „Miguel TV Service“ entfernt eine deutschsprachige Familie ihre dunkelbraune, riesige Dogge ruft, erklingt der Name eines in Eldorado wohl Respekt einflößenden deutschen Nationalspielers: Spieler Ballack ist derzeit verletzt. Dogge Ballack ist dagegen wohlauf.

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