Fuldaer Freunde flitzten zum WM-Titel

Der Himmel über der 7,7 Kilometer langen Rennstrecke von Assen in Holland ist am 16. Juli 1955 wolkenlos. 35 Grad, eine Bullenhitze. Die Spannung lässt die 100 000 Zuschauer auf den Tribünen längst nicht mehr kalt. Zwei schwarze BMW- Motorräder mit jeweils einem silbernen Seitenwagen rasen dem Ziel Rad an Rad entgegen. Das Fuldaer Gespann mit Willi Faust und Karl „Petter“ Remmert jagt dicht hinter den führenden Kirchhainern Wilhelm Noll und Fritz Cron hinterher – alle vier mit weißen Helmen mit schwarzen Streifen als Zeichen für einen deutschen Fahrer.

Eine der letzten Linkskurven vor dem Ziel. Willi Faust gibt länger Gas, zieht auf gleiche Höhe mit Noll/Cron und geht innen in der Kurve an dem Kirchhainer Gespann vorbei. Die bis dahin Führenden Noll/Cron sind so verdattert, dass sie noch gegen einen Pfosten knallen. „Faust/Remmert sind in einer der letzten Kurven an uns vorbeigestochen. Die waren die ganze Zeit hinter uns“, erinnert sich der mittlerweile 79-jährige Wilhelm Noll. „Willi Faust hat genau analysiert, wo er am besten überholen kann – und dann hat er uns eiskalt abserviert.“ Als das Gespann Faust/Remmert aus der letzten Kurve herauskommt, hat es unter dem Jubel der Zuschauer über 200 Meter Vorsprung herausgeholt.

Mit dem Sieg in Assen heute genau vor 50 Jahren standen Willi Faust und sein „Schmiermaxe“ Karl Remmert quasi als Weltmeister in der Seitenwagen-Klasse fest. Aufgrund ihres Vorsprungs waren sie bei nur noch einem ausstehenden Rennen, bei dem höchstens acht Zähler zu vergeben waren, nicht mehr einzuholen. Faust/Remmert hatten nach dem Rennen in Assen 30 Punkte auf ihrem Konto, die Weltmeister von 1954, Cron/Noll, hatten erst 20 gesammelt.

„Alles hat in der Schlosserei August Schüler in der Frankfurter Straße angefangen“, erzählt Waltraud Schnell, die Schwester von Karl Remmert, der ein Jahr nach dem WM-Erfolg bei einer Versuchsfahrt tödlich verunglückte. „In der Schlosserei Schüler haben sie schon früh an ihren Maschinen herumgebastelt.“

Willi Faust wurde am 10. Januar 1924 in Oberbimbach geboren, sein späterer Freund und Beifahrer Karl Remmert erblickte am 20. Januar 1925 in Silges das Licht der Welt. Nach dem Besuch der Volks- und Fachschule begann Faust eine Lehre in der Schlosserei Schüler. „Schon nach wenigen Monaten war der Willi so weit, dass kein Motorrad vor ihm sicher war. Jede Gelegenheit nutzte er, um schwarz durch die Gegend zu flitzen“, wird sein damaliger Chef August Schüler in einem Zeitungsbericht zitiert. „Aber ich konnte dem Willi nie böse sein. Er war ein ruhiger, bescheidener und vor allem talentierter Junge, der bald alle meine Sympathien gewonnen hatte.“

Nachdem Faust und Remmert aus dem Krieg nach Fulda zurückgekehrt waren, zeichnete sich Willi Faust mit Erfolgen bei ersten inoffiziellen Rennen in Dipperz oder rund um den Petersberg aus. 1951 startete Faust in drei Klassen – mit einer 250er Triumph brachte er fünf Siege aus den ersten fünf Rennen mit nach Hause. Im selben Jahr fuhren die späteren Weltmeister erstmals gemeinsam als Ausweisfahrer im Seitenwagen in Kassel. Das Gespann harmonierte auf Anhieb. Im Jahr 1953 wechselten sie ins Lager der Lizenzfahrer – auf einem Gespann, das sie für 3000 Mark ihren Konkurrenten Noll/Cron abgekauft hatten. „Willi Faust war der kommende Mann“, berichtet Wilhelm Noll, der damals mit dem Rennsport aufhören wollte.

1954 dann der Durchbruch. Die damals noch lebende Fuldaer Motorsportlegende Hans Kahrmann hatte es nach unzähligen Telefonaten und einem unüberschaubaren Schriftwechsel geschafft, BMW von den Qualitäten der beiden Freunde zu überzeugen. Nach fast neun Monaten kam eine BMW-RS-54-Maschine in Fulda an – zwar ein Serien-Motorrad, das aber nur in ganz kleiner Stückzahl produziert wurde. Schon kurz danach folgte der bis dahin größte Erfolg als Lizenzfahrer. Beim Sieg in Schotten verwiesen Faust und Remmert bei Sprühregen Schneider/Strauß und Noll/Cron, die jetzt als BMW-Werksfahrer unterwegs waren, auf die Plätze. „Wir sind damals von Fulda mit dem Fahrrad nach Schotten gefahren, um Willi und ,Petter‘ fahren zu sehen“, erklärt Eckard Hofmann, der damals als 16-jähriger Kamerad von Faust und Remmert im Fuldaer Automobilclub das Gespann wie die gesamten 175 000 Zuschauer bewunderte. „Für uns war das ungeheuer spannend und spektakulär. Gerade der Beifahrer schrammte mit dem Kopf immer nur um Zentimeter an den Bäumen vorbei.“

Neben den fahrerischen Qualitäten war auch der Mut von „Schmiermaxe“ Karl Remmert entscheidend für die Erfolge. Nachdem er zum Beispiel kurz nach dem Start in Schotten seine Schutzbrille wegwerfen musste, als sie durch Schlamm verschmutzt worden war, verletzte er sich im Gesicht, als ihm bei einem Überholversuch in der letzten Runde Steine an den Kopf spritzten. „Der Karl war ein lustiger Mann und hat oft zur Volksbelustigung beigetragen“, sagt Wilhelm Noll. „Er war ein typischer Beifahrer – die waren sowieso eine Spezies für sich.“

Auch Reinhold Schnell meint, dass sein Schwager keinesfalls ängstlich war. „Im Juni 1945 wurde er von den Amerikanern in Österreich erwischt. Denen hat er weiß gemacht, dass er Österreicher ist. Schon im Juni stand er wieder vor unserer Tür“, begründet Schnell, der noch heute in der Fuldaer Heinrichstraße wohnt, wo auch Karl Remmert bis zu dem tödlichen Unfall gelebt hat. Waltraud Schnell: „Wenn unsere Mutter ihn gebeten hat, mit dem Rennsport aufzuhören, hat er immer gesagt: ,Im Krieg war keine Kugel für mich da. Und wenn man Pech hat, kann man sich auch den Finger in der Nase abbrechen.‘“

1955 folgte nach dem Vizetitel bei der deutschen Meisterschaft und dem sechsten WM-Platz 1954 das große Jahr für die beiden Fuldaer, deren Serienpneus (Rasant CR S) von Fulda-Reifen unter den Kollegen nur „Fulda brutal“ genannt wurden. Auf diesen Serienreifen sorgten sie gleich beim ersten WM-Rennen des Jahres 1955 in Barcelona für eine faustdicke Überraschung. Die Fuldaer schlugen die gesamte Weltelite und hatten im Ziel mehr als ein Minute Vorsprung. Der mehrfache englische Weltmeister Eric Oliver (Norton), der Dritter wurde, prophezeite: „Diese Boys werden Weltmeister. Es gibt im Augenblick keine gleichwertige Mannschaft. Wenn sie so weiterfahren, sind sie die künftigen Beherrscher dieser Klasse. Denen ist niemand mehr gewachsen.“ Und das obwohl die Fuldaer im Gegensatz zu vielen Konkurrenten bis dahin noch ohne jegliche Verkleidung fuhren. Auch Willi Faust freute sich über den Auftaktsieg: „Es war ein tolles Rennen. Wir flitzen nur so um die Kurven.“ Und sein „Schmiermaxe“ ergänzte: „Am liebsten hätten die Fans unsere BMW in Stücke gerissen. Jeder wollte ein Autogramm haben.“

Ab dem nächsten WM-Rennen traten die beiden Fuldaer erstmals „vollverkleidet“ an. Fulda-Reifen hatte ihnen den windschlüpfrigen Anzug gespendet – dennoch waren sie als reine Privatfahrer mit einem Serienmotorrad besonders den Werksfahrern maschinell unterlegen. Trotzdem purzelten weiter die Streckenrekorde. Nach dem Ausfall beim zweiten WM-Lauf in England folgte ein Sieg auf dem Nürburgring. In Belgien wurde „Noll/Cron der Sieg geschenkt“, so der Journalist und Fotograf Günter Geyler, der Faust und Remmert mehrfach traf und fünfmal fahren gesehen hat. Der Rennleiter hatte eine Runde zu früh abgewinkt. Die Fuldaer hatten den Fauxpas nicht bemerkt, sie wollten erst in der letzten Runde angreifen. Doch es reichte auch so. Der WM-Titel war dem Fuldaer Gespann nach ihrem Sieg am 16. Juli 1955 in Assen neben der deutschen Meisterschaft nicht mehr zu nehmen.

„Die beiden fuhren sehr sicher“, führt Remmerts Schwester an. „Ihre Gegner haben sie meistens in der Kurve abgehängt.“ Warum das so war, begründet Journalist Geyler: „Die haben den Power-Slide-Stil in Vollendung beherrscht. Ihr Fahrstil war ausschlaggebend für den WM-Sieg. Alle anderen sind um die Kurve gefahren. Faust/Remmert sind mit eingeschlagenem Vorderrad um die Kurve gedriftet – im Sandbahn- oder Speedway-Stil.“

Der frühere Konkurrent und zweifache Weltmeister Wilhelm Noll fügt noch weitere Stärken des Fuldaer Gespanns um Willi Faust hinzu, der später eine Tankstelle in der Leipziger Straße führte und 1992 starb. „Willi hat technisch schon was drauf gehabt“, sagt Noll, „Er hat sein Gespann von 18- auf 16-Zoll-Räder umgebaut. Er war der Erste, der erkannt hat, dass man dadurch den Schwerpunkt günstig nach unten legen konnte.“ Zudem sei Faust ein starker, aber nie unfairer Fahrer gewesen. Noll: „Faust und Remmert sind1955 verdient Weltmeister geworden.“ Fausts Tochter Iris (42) bringt es auf den Punkt: „Beeindruckend unter welchen Umständen die beiden damals den WM-Titel gewonnen haben.“

Als das Fuldaer Gespann am 16. Juli 1955 zum dritten Mal in einem WM-Lauf als erste über die Ziellinie fahren, fallen sich Willi Faust und Karl Remmert in die Arme. Es ist geschafft. Fulda hat die ersten Weltmeister.

(Diese Reportage zeichnete der Verband Deutscher Lokalzeitungen mit dem 1. Platz des Lokalsportpreises 2007 aus.)

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