“Rausgehen – und nicht den Lügen glauben”

Seine erste Geschichte als Journalist für die „New York Times“ handelte über einen Golf-Caddy. Vorher hatte er in der Abteilung für Nachrufe gearbeitet, erzählt der heute 77-Jährige. „Man muss die Menschen so genau kennen lernen, dass man glaubt zu wissen, was sie denken“, berichtet der US-Amerikaner, der einer der Mitbegründer des „New Journalism“ ist. Gay Talese war im Rahmen des Literaturfestivals „lit.Cologne“ zu Gast im Kölner Bürgerhaus Stollwerck, in dem das 3sat-Kulturmagazin „Scobel“ dem „New Journalism“ eine ganze Sendung widmete.

Talese, im schwarzen Nadelstreifen-Anzug, mit gelber Krawatte, blauem Hemd mit weißem Kragen und Einstecktuch, erzählt, dass er bei seinen Recherchen keine typischen journalistische Gespräche mit den betreffenden Personen geführt habe – „hanging out“ statt Interview. Er hat Menschen über Tage, Wochen und sogar Monate begleitet. So wie bei der Recherche zu der Reportage „Frank Sinatra ist erkältet“, aus der Talese an diesem Tag auch liest.

 „Die Wirklichkeit kann erstaunlich sein“, sagt Talese und zieht dabei seine Augenbrauen hoch, die im Vergleich zu den weißen, schütteren Haaren des Journalisten erstaunlich dunkel sind. „Voraussetzung ist, dass Geduld vorhanden ist und die Kunst des Beobachtens beherrscht wird. Der Fall „Fritzl“ sei so eine erstaunliche Wirklichkeit – so wie Truman Capotes „Kaltblütig“.

 Wenn bewaffnete Soldaten im Fernsehen zu sehen sind, die im Irak Türen eintreten, dann würde Talese eine Geschichte über den Bagdader Türschreiner schreiben wollen – zumindest wenn er noch einmal ein junger Journalist wäre, wie er sagt. Seine Reportagen handeln von „Menschen aus Blut und Fleisch“. Er möchte sich an den Tisch einer „typischen Taliban-Familie“ setzen, die keineswegs „auf einem anderen Planeten“ lebt, so Talese. „Worüber reden die beim Essen?“, fragt er. Seine Neugier ist für die Zuhörer fast spürbar.

 „Viel zu viele Journalisten sehen die Welt nur durch einen kleinen Bildschirm“, sagt Talese und erntet Applaus. Die Kollegen würden sich damit selbst umbringen – und zwar aus reiner Faulheit. Gerade in Zeiten, in denen es bei vielen auf schnelle, kurze Informationen ankomme, hätte längere Reportagetexte eine gute Chance. Quasi „kontrazyklisch“. Die Botschaft des Abends der Grandseigneurs des „New Journalism“ ist ein Auftrag an die Journalisten des Landes: „Rausgehen – und nicht den Lügen glauben.“ (Sebastian A. Reichert)

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