Unfassbar

Unfassbar. Wer selbst einmal vor den endlos erscheinenden Stacheldrahtzäunen der heutigen Gedenkstätte des Konzentrationslagers Auschwitz stand und mit Blick auf die Eisenbahnschienen in Gedanken quasi den direkten Weg in den Tod von hunderttausenden Juden und anderen von den Nazis Verfolgten nacherlebte, kommt unausweichlich zu diesem Gedanken. Wie konnten Menschen dazu imstande sein, im Stile einer Großfabrik Menschen umzubringen und kalt berechnend sogar noch ihre Knochen, Haare und Zähne zu verwerten?

Auschwitz steht für die unfassbaren Verbrechen und Ideen der Nazis. Doch für viele ist Auschwitz in diesem Sinn heute auch eines: weit weg. 60 Jahre, die seit der Befreiung des KZs vergangen sind, sind eine lange Zeit, in der nicht nur viele Zeitzeugen gestorben sind, sondern in der auch eine Generation aufgewachsen ist, die keine Schuld für die Nazi-Verbrechen trägt. Doch Auschwitz erschien auch schon für viele Menschen während des NS-Regimes weit weg – eben auf dem Territorium des besetzten Polens. Aber für unzählige Menschen begann Auschwitz mitten in Deutschland – auch in Fulda. Und für tausende Häftlinge endete Auschwitz Wochen nach dem 27. Januar 1945 zum Beispiel in den Konzentrationslagern in Buchenwald oder Nordhausen im nahen Thüringen.

Wenn Bundeskanzler Gerhard Schröder sagt, dass die heutige Generation der Deutschen eine besondere Verantwortung trägt, hat er Recht. Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, dass die NS-Verbrechen auch mitten in Deutschland stattgefunden haben – sowohl geografisch als auch gesellschaftlich. Viele unfassbare Schicksale, die in den Gaskammern im entfernten Auschwitz endeten, haben tausendfach in der Nachbarschaft der damals lebenden Deutschen ihren Anfang genommen.

Es ist unfassbar: Knapp 20 Prozent der Deutschen sind laut Forschern heute wieder antisemitisch eingestellt. Wenn die zweite und dritte Nachkriegsgeneration der Befreiung von Auschwitz gedenkt und „Nie wieder“ sagt, sollten sich alle ihrer Verantwortung bewusst sein. Rechtsextreme Gedanken werden nicht nur von NPD-Politikern im „fernen“ sächsischen Landtag geäußert. Der Kampf gegen solche menschenverachtenden Meinungen muss in der Familie, in der Nachbarschaft, im Sportverein, an der Arbeitsstelle und in der Schule beginnen – und das nicht nur in Sachsen, sondern in ganz Deutschland.

60 Jahre nach Auschwitz gibt es immer weniger direkte Zeitzeugen. Umso wichtiger ist es, ihre Erinnerungen an junge Generationen weiterzugeben. Damit Auschwitz für immer ein unfassbarer Einzelfall bleibt.

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