Vom Wald ins Wohnzimmer oder nach China?

Wer denkt schon an Rhöner Mischwälder, wenn er mit Stäbchen im China-Restaurant eine Peking-Ente isst, in Italien eine frische Pizza Pomodore verzehrt oder vollmundigen französischen Rotwein probiert? Doch es ist gar nicht ausgeschlossen, dass das Holz für die Ess-Stäbchen, für die Feuerung des Pizza-Offens oder für die Weinfässer aus Eichenholz aus dem hessischen Mittelgebirge stammt.

So verkaufte das Forstamt Hilders beispielsweise in diesem Jahr bereits 1300 Festmeter Buchenholz nach China – das sind mehr als 50 Lastwagen-Lieferungen, die unter anderem zur Produktion von Ess-Stäbchen versandt wurden. „Über 40 Prozent des Rotbuchenholzes wird mittlerweile ins Ausland verkauft“, sagt der für die hessische Rhön verantwortliche Hilderser Forstamtsleiter Adalbert Fischer.

Der größte Teil der 40 000 Festmeter Holz (1600 Lastwagen-Ladungen), die jährlich im Forstamt Hilders geschlagen werden, wird allerdings immer noch in Deutschland verkauft. Bis das Holz vom Wald im heimischen Wohnzimmer oder gar im fernen China landet, ist es jedoch ein weiter Weg.

Heute wird eine etwa 160 Jahre alte Rotbuche auf dem „Hausberg Hilders“, dem Auersberg, gefällt. Hier steht einer der größten zusammenhängenden Laubwälder in der Rhön. Ein Forstweg führt zu einem steilen Hang, auf dem die Buche steht. Etwa 60 Zentimeter Durchmesser hat der Stamm, der grünlich-grau in den kalten Nebelschwaden schimmert. Gefällt wird das ganze Jahr über – zumindest, wenn es das Wetter zulässt.

Die beiden Waldarbeiter Helmut (54) und Heiko Unger (28), Vater und Sohn, sind zusammen nur etwa halb so alt wie die Buche, die seit über anderthalb Jahrhunderten hier wächst und nun gefällt werden soll. Die Hälfte der Krone fehlt, die andere Hälfte zeigt den Hang hinab. Auf 18 Metern Höhe ist vor einiger Zeit ein dicker Ast abgebrochen, dessen Ende ebenfalls hangabwärts absteht.

Förster Christoph Prinz hatte diesen Baum mit der Sprühflasche zum Fällen markiert. So soll in der Nähe ein „besserer Baum gefördert“ werden, erzählt er. Nur ein Baum auf 100 Quadratmetern wird so „isoliert“. „Von 100 000 kleinen Bäumen bleiben 100 dicke letztlich über“, sagt Prinz. Man müsse als Förster lernen, in anderen Zeitdimensionen zu rechnen, erklärt Fischer: „Wenn wir sagen, das gibt in 100 Jahren einen schönen Wald, interessiert das niemanden richtig.“ In einem Zehn-Jahres-Plan wurde die Einhaltung der Nachhaltigkeit überprüft. „Nur so viel ernten, wie nachwächst“, heißt die Devise. In der Jahresplanung überlegten Fischer und Prinz, welche Baumart nach der Marktlage am besten verkauft werden kann. Zudem würde die Buche mit jedem Jahr an Wert verlieren, der Altersfarbkern würde größer werden.

„Schöne glatte Rinde, weißes Splintholz“

Die gerade geschliffene Motorsäge heult auf, in zehn Sekunden ist eine Fallkerbe in zwanzig Zentimeter Höhe aus dem Stamm herausgeschnitten. Helmut Unger setzt die Motorsäge an der hangaufwärtigen Seite des Stammes an. Die Holzspäne fliegen. Bis auf ein so genanntes Halteband wird der Stamm in weiteren zwanzig Sekunden durchtrennt. Das Halteband wird durchgesägt. Mit einem gewaltigen Donnern schlägt der Stamm auf und rutscht zwanzig Meter den Hang hinab. Der Waldboden bebt.

Ob die Buche als Brennholz oder Esstisch im Wohnzimmer oder als chinesisches Ess-Stäbchen enden wird, entscheiden Förster Prinz und die Waldarbeiter. „Eine schöne glatte Rinde, gerader Stamm, schönes weißes Splintholz“, urteilt Prinz über das Stammende gebeugt. „Aber leider auch ein ausgefranster Farbspritzkern“, sagt er und zeigt auf eine rötliche Färbung in der Stamm-Mitte. Prinz wird mit einer Art wetterfestem Laptop auch den gerade gefällten Baum erfassen: Länge, Qualität, Durchmesser, Standort, von welchem Waldarbeiter gefällt. Der Buchenstamm wird mit einer fünfstelligen Nummer versehen, Abteilung 95, Revierort Auersberg.

Ortswechsel: Im schummrig-schimmernden, orangen Licht flirren kleinste Holzteilchen. Der 48-jährige Sägewerkschef Josef Henkel schiebt den Buchenstamm durch die alte „Voll-Cutter-Maschine“ der Marke Würster & Dietz. 14 meterlange Sägeblätter rasen lautstark ratternd hoch und runter. Sie zersägen den Stamm der Länge nach in einer Minute in Bohlen. Schon seit 300 Jahren werden die gefällten Baumstämme aus der Rhön zum Zersägen auch ins Motzlarer Sägewerk direkt am kleinen Flüsschen Ulster gebracht. Etwa zwei Lastwagen-Ladungen Holz zersägen Henkel und seine Mitarbeiter täglich.

Einige Kilometer die Ulster flussabwärts, in Geisa, werden aus den geschnittenen Bohlen Holzplatten produziert. Der Leimholzhersteller Hohmann & Jensen verarbeitet jedes Jahr 400 Lastwagen-Ladungen Holz. Aus der Rhön stammen davon zehn Prozent – geschnitten im Sägewerk Henkel in Motzlar. Die 1996 gegründete Firma produziert hauptsächlich für den Treppenbau Massivholzplatten und verkauft diese in ganz Deutschland und zu einem Drittel ins europäische Ausland. „Für uns ist der kurze Weg des Rohstoffes ein Vorteil“, sagt der Hilderser Firmenchef Wolfgang Hohmann. So sei man flexibler, wenn es im Lager eng werde.

In modernen Produktionshallen zerschneiden 31 Angestellte Holzbohlen und verleimen Kanthölzer zu Massivholzplatten. Mit Großraumvakuumtrocknern wird den Bohlen die Nässe entzogen. Das Gros des Holzes kauft die Firma in Osteuropa ein. Allerdings habe das deutsche Holz eine bessere Qualität. „Die deutschen Wälder sind besser gepflegt“, erklärt Hohmann. „Die Buchen haben mehr Speck und weniger Äste.“ Und auch die Farbe des deutschen Holzes sei besser als bei osteuropäischem Holz. „Beim Innenausbau ist die Farbe mit ein entscheidendes Kriterium“, führt der Hilderser an.

Die Firma Krenzer aus Abtsroda ist eine der größten europäischen Paletten-Hersteller. 2600 Festmeter Holz werden täglich zu Paletten verearbeitet. Der Anteil von Holz aus der Region spielt nur einen geringen Anteil. 40 000 Festmeter werden davon im eigenen Sägewerk jährlich geschnitten. „Aber wir brauchen unser kleines Sägewerk in Abtsroda“, sagt Werner Krenzer, „vor allem da wir mit den anfallenden Sägespänen das eigene Kraftwerk und die Trockenkammern heizen.“ Das restliche Holz beziehen die Paletten-Produzenten aus Osteuropa und ganz Deutschland. Vier Sägewerke, jeweils eines strategisch günstig in einer der vier Himmelsrichtungen in der Republik gelegen, sorgen für Holznachschub.

„Ikea-Möbel kommen nicht ins Haus“

Schmirgelpapier ist das sichtbar dominierende Werkzeug in der Schreinerwerkstatt Frohnapfel & Sohn in Weyers. Feiner Holzstaub liegt in der Luft. In einer Halle geben einige der 17 Angestellten von Schreinermeister Winfried Frohnapfel Tischen, Schränken und Stühlen aus Rhöner Massivholz buchstäblich den letzten Schliff. Möbel von Ikea kommen dem Weyerser nicht in seine Wohnstube. „Das wäre das Schlimmste, was mir passieren könnte. Massivholz ist doch immer schöner“, sagt Frohnapfel. „Jedes der von uns angefertigten Möbel ist ein Einzelstück, jedes hat sein eigenes individuelles, auf den Kunden abgestimmtes Aussehen“, erläutert der Schreinermeiste die Firmenphilosophie.

Frohnapfel gehört den „Rhönholzveredlern“ an – einem „Netzwerk für hochwertige Produkte aus heimischem Holz“. Frohnapfel, der allen Möbelstücken Nachweise der Holzherkunft beilegt, stören Knoten oder Spritzkerne im Holz nicht. „Gerade die Nachfrage nach Möbeln aus natürlich gewachsenem Holz ist groß“, berichtet er. Seine Kunden kommen aus ganz Deutschland, vereinzelt sogar aus der Türkei oder aus Frankreich.

Die gefällte Buche vom Auersberg hat es nicht bis ins Ausland geschafft. Aus ihrem Stamm stellen Hohmann & Jensen Leimholzplatten für den Treppenbau her. Mit dem Holz der Krone wird ein Wohnzimmer geheizt. Doch Fischer und Prinz sind nicht zufrieden mit der Preisentwicklung des Holzes. „Wenn man vor 30 Jahren eine Lastwagen-Ladung Holz verkauft hatte, konnte man sich dafür ein Auto kaufen“, erläutert Prinz. „Heute könnte man sich vom Erlös gerade mal vier Winterreifen leisten.“

(Für diese Reportage gab es den 1. Platz beim Journalistenpreis „Forst und Holz“ 2005.)

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