Reportage: Von Leggins und Laufsteg-Schwüren

Es war fast wie bei einschlägigen Sportveranstaltungen: inszeniert künstlich in die Länge gezogen, viel Werbung, noch mehr Harmonie und am Ende harmlose Interviewfragen sowie genauso blutleere Antworten. Das Finale von “Germany’s next Topmodel” vor 15.000 in der Kölner Lanxess Arena und 4,6 Millionen Zuschauern vor den Bildschirmen. Lesen Sie die Reportage vom Finale. Wie fühlst du dich?

Wo sonst Fans mit Eishockey-Trikots und Schals stehen, warteten schon um 18 Uhr tausende Mädchen in knappen Kleidchen oder Leggins. Wo sonst bei Sportveranstaltungen und Konzerten fast nur Bier fließt, wird Rosé-Sekt in Plastik-Kelchen ausgeschenkt. Statt Männerschweiß liegt Vanille-Parfüm-Geruch schwer in der Luft. „Die halten sich wohl auch alle für Germanys next Topmodel“, kommentiert die 12-jährige Corinna aus Köln den Dresscode des Abends. 15.000 Zuschauer sind in der Kölner Lanxess Arena dabei, als um exakt 22:58 Uhr Sara Nuru als Siegerin der ProSieben-Castingshow „Germany’s next Topmodel“ (GNTM) 2009 feststeht.

Das Warm Up: 30 bis 40 Euro haben die Zuschauer für eine Arena-Eintrittskarte gezahlt – wohlgemerkt für die Produktion einer Fernsehsendung. Eine halbe Million Euro dürfte der Veranstalter allein durch die Eintrittsgelder eingenommen haben. Bevor es für die Zuschauer in die Halle geht, wartet ein Sponsoren-Marathon im Eingangsbereich auf sie: Luxus-Mineralwasser, Parfüm, Sekt, Schminke. Mütter kaufen ihren Kindern Pommes, Pizza oder Burger. Die Pfandflaschen-Sammler vor den Arena-Türen merken, dass sie an diesem Abend nicht die Einnahmen ihres Lebens machen werden.

Die Halle: Pink-, lilafarbenes Licht von dutzenden Deckenspots und Nebelschwaden empfangen die Besucher beim Gang in Halle selbst. Mindestens zehn Kameras hat ProSieben am Start – darunter zwei schwenkbare Kran-Kameras über dem Zuschauerraum, zwei kleine, mobile Kameras, mit denen Kameraleute über den 28 Meter langen Laufsteg flitzen, sowie eine ferngesteuerte Kamera, die auf einer Schiene beim Live-Walk neben den Models hersaust. Am Laufsteg-Anfang steht eine etwa 20 mal 15 Meter große Videoleinwand. Unter der Decke hängt ein Videowürfel. Eine Wind-Kanone pustet den Models die Haare durch.

Der Startschuss: „Bevor ich es vergesse: Sieht Heidi nicht blendend aus?“ fragt Juror Peyman Amin in der ersten Minute und gibt damit das Harmonie-Motto des Abends vor. Barbara Meier und Jennifer Hof, Siegerinnen der vorherigen Casting-Runden, sitzen in der ersten Reihe und winken Heidi Klum zu. Die Fan-Blöcke der drei Finalistinnen, entlang des Laufstegs angeordnet, halten Plakate hoch. „Sara, yes she can“, steht da zum Beispiel drauf. Die Fans von Marie Nasemann haben Marie-Fähnchen mitgebracht.

Die Pausen: Erste Unterbrechung nach gefühlten drei Minuten. Haarspray wird in Heidi Klums Haar gesprüht, die blonde Mähne mit einer Bürste toupiert. Die beiden persönlichen Stylistinnen der Klum, eine vor dem Model stehend, einer dahinter, müssen sich für diese Behandlung ganz schön recken. Die gebürtige Bergisch Gladbacherin steht auf Highheels mit rund 20 Zentimeter-Absätzen, überragt locker ihre beiden Mitjuroren.

Die Vorentscheidung: Kurz nachdem die Finalistinnen in langen gelben, pinken oder orangen Kleider elfengleich von der Arena-Decke auf die Bühne geschwebt sind und auch der zweite Live-Walk in Dessous glimpflich überstanden ist – lediglich Mandy Bork verhedderte sich in den schwarzen Schnüren ihrer Korsage – , wird es um 21:18 Uhr zum ersten Mal ernst. „Nur eine kann ,Germany’s next Topmodel’ werden“, sagt Heidi Klum. Die Fans sprechen die Phrase mit. 20 Minuten später heißt es von der 35-jährigen Jurorin: „Jetzt passiert’s.“ Eine blonde Zuschauerin brüllt: „Marie muss raus.“ 21:49 Uhr. „Marie, du bist leider nicht weiter“, sagt Heidi Klum. Nicht ohne vorher zu erklären, dass sie sich keine besseren Finalistinnen hätte wünschen können und dass sich auch bei Marie eine „unglaubliche Wandlung“ vollzogen habe. Juror Rolf Scheider nimmt Maries Vater das Versprechen ab, sich nach dem Ausscheiden weiter um die 20-Jährige zu kümmern. „Ich schwöre es“, sagt dieser feierlich. Auf den Zusatz „So wahr mir Gott helfe“ verzichtet Maries Vater übrigens.

Das Publikum: Für die Zuschauer steht die spätere Siegerin bereits von Beginn der Show fest. Der Applaus ist am lautesten, wenn Sara zu sehen ist, die Münchenerin mit äthiopischen Wurzeln. „Sara, Sara“ hallt es unzählige Male durch die Halle, die bis unter die Decke mit GNTM-Fans besetzt ist. Zwei Mädchen können sich dagegen noch nicht ganz entscheiden. „Sara, die Nummer ein“, steht auf ihrem selbst gemalten Plakat. Wenn die etwa Fünfzehnjährigen ihr Transparent umdrehen, ist dort „Mandy, die Beste“ zu lesen. Vor Aufregung werfen sie ihre Trinkbecher mit Cola drin um.

Die Stimmung: Die Köln-Hymne „Viva Colonia“ hallt um 22:50 Uhr in der letzten Werbeunterbrechung durch die Lanxess Arena. Die Rechnung geht natürlich auf. 15.000 stimmen ein: „Das simmer dabei.“ Viele Fans, etwas müde und leiser geworden, müssten jetzt eigentlich schon längst im Bett sein. Zum Glück ist am nächsten Tag schulfrei. Mandy Bork (18) und Sara Nuru (19) stehen derweil alleine auf dem Laufsteg, Arm in Arm schunkeln sie ein bisschen zu dem „Höhner“-Song mit.

Die Entscheidung: Bereits 16 Minuten zuvor, um 22:34 Uhr, hatte Heidi Klum wieder gedroht: „Nur eine kann ,Germanys next Topmodel’ werden.“ „Letztlich und endlich haben wir uns für die Richtige entschieden“, sagt Juror Amin. Nicht das erste Mal, dass er diesen Satz ausspricht. Die Entscheidung sei einstimmig gefallen, so die Jury. Leicht sei es nicht gewesen. Beide Mädchen würden unfassbar gut aussehen. Nuancen, Kleinigkeiten hätten den Ausschlag gegeben, wird Heidi Klum später weitgehend inhaltsfrei erklären. Um exakt 22:58 Uhr ist es soweit: Die 19-jährige Sara erscheint auf dem Cover-Foto der „Cosmopolitan“. Sie ist „Germany’s next Topmodel“.

Gegen 1 Uhr versuchen 12-jährige Mädchen noch immer, ein Autogramm oder ein Foto von oder mit ihrem Liebling zu bekommen. Neben den 15.000 in der Kölner Arena waren bei der Finalshow 4,61 Millionen (ab drei Jahren) vor den Fernsehgeräten dabei. Heidi Klum kündigte kurz vor Mitternacht schon einmal eine neue, die fünfte Staffel von „Germany’s next Topmodel“ an. Wie sagte Juror Rolf Scheider doch während der Show? „Es gibt schlimmere Jobs im Leben, als sich schöne Mädchen anzusehen.“ (Sebastian A. Reichert)

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1 Kommentar zu „Reportage: Von Leggins und Laufsteg-Schwüren“

  1. Alex sagt:

    Sehr gute Reportage. Mit der beste Text, den ich zum GNTM-Finale bisher gelesen habe.

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