Sticheleien, Franzbranntwein und Apfelschorle

Bilderbuchwetter in Bruchköbel. Strahlende Märzsonne, azurblauer Himmel und 15 Grad Celsius. Die Sonne und auch der deutlich am Himmel zu erkennende Frühjahrsmond scheinen sich an diesem Sonntagnachmittag auf die Partie der Fußball-Landesliga Süd zwischen der SG Bruchköbel und Hellas Frankfurt zu freuen. Doch Schiedsrichter Holger Muschik kann all das nicht so richtig entspannt genießen, als er im schwarzen Jackett, begleitet von seinen beiden Assistenten Markus Hildenbrand und Heiko Goebel, bereits eine gute Stunde vor dem Anpfiff das Stadion ‚Am Wald’ in Bruchköbel betritt.

Einfach zu viel deutet daraufhin, dass es für Schiedsrichter Muschik ein Spiel der Kategorie „schwer zu leitendes Spiel“ werden wird. Die Begegnung ist für den Mackenzeller Referee Spiel eins nach dem Schiedsrichter- und Wettskandal um Robert Hoyzer im deutschen Fußball. Zudem haben die drei in dieser Formation noch nie eine Partie geleitet. Für den 22-Jährigen Linienrichter Heiko Goebel steht heute die Premiere in der Landesliga an. Für Tabellenführer Bruchköbel ist es das erste von noch zwölf ausstehenden Endspielen um den Aufstieg in die Oberliga, für die Griechen von Hellas Frankfurt ist es das erste Auflaufen im heißen Abstiegskampf nach Beginn der Rückrunde.

„Im Hinspiel ging es richtig hitzig her“, versucht SGB-Vizepräsident Dieter Heine die drei Unparteiischen schon vor der Partie im verrauchten Clubheim bei einer Tasse Kaffee auf Kosten des Spitzenreiters einzustimmen. „Wir haben zwar 3:0 gewonnen, aber zwei Griechen wurden mit Rot vom Platz geschickt“, erklärt Hein. Der Schiedsrichter-Betreuer der Gastgeber pflichtet ihm in breitestem Frankfurter Dialekt bei: „Zum Glück sind es bis zum Saisonende noch einige Spiele, so geht es für die Griechen heute noch nicht um alles.“

„Wir sind hier nicht bei Oddset“

Eine Duschkabine in der Ecke, ein kleiner Tisch, eine Eckbank, ein Waschbecken. In der engen, mit braunem Linoleum ausgelegten Schiedsrichter-Kabine riecht es nach Franzbranntwein. Muschik, Hildenbrand und Goebel sind auf einiges vorbereitet – nicht nur körperlich. „Es kann schon sein, dass kleine Sticheleien kommen, wie ‚Wir sind doch hier nicht bei Oddset‘. Da müssen wir aber durch“, sagt etwa der erste Schiedsrichter-Assistent Markus Hildenbrand. „Wenn uns aber jemand ‚Hoyzer‘ nennt, gibt es sofort Rot“, erklärt sein Chef Muschik. „Da haben wir ganz klare Anweisungen.“

Die drei Referees der Schiri-Vereinigung Lauterbach-Hünfeld haben wenig Verständnis für das Missvertrauen, das laut Umfragen die Deutschen den Unparteiischen nach dem Skandal um Robert Hoyzer entgegen bringen. So erklärten 32 Prozent der Befragten bei einer gestern veröffentlichten, repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach, sie glauben, Bestechung unter Schiedsrichtern sei im deutschen Fußball weit verbreitet. „Wenn hier einer reinkommen und mit Geldscheinen wedeln würde, würde der sofort durchfallen“, sagt der 35-jährige Muschik. „In unserer heutigen Handy-Welt wäre der Klassenleiter sofort informiert und noch vor Beginn des Spiel hier vor Ort eingetroffen.“

Auch zu den Getränken und dem kleinen Imbiss, die die Fußballclubs den Schiedsrichtern zukommen lassen, haben die drei eine klare Meinung. Muschik: „Das sind freiwillige Leistungen der Fußballvereine – und ganz normal. Dadurch lassen wir uns nicht beeinflussen.“ Für das heutige Landesliga-Spiel werden die Schiedsrichter jeweils eine Tasse Kaffee vor Spielbeginn, drei kleine Flaschen Apfelschorle während der Halbzeit und nach dem Abpfiff erhalten sowie einen kleinen Imbiss nach dem Duschen und Umziehen. Dazu kommt die offizielle Entlohnung – für das heutige Landesliga-Spiel wird Muschik 40 Euro erhalten, seine Assistenten jeweils 21 Euro, plus Fahrtgeld. „Das Geld, das man bekommt, steht in keinem Verhältnis zur Zeit, die man opfert. Wenn wir keinen Spaß dabei hätten, würde das keiner von uns machen“, erklärt Hildenbrand, der wie seine Kollegen heute wohl etwa sieben Stunden dem Fußball widmet.

Noch zehn Minuten bis zum Anpfiff. Die Anspannung steigt – auch beim Schiedsrichter- Gespann. Wie ein Fußball-Trainer vor dem Anpfiff schwört auch Hauptreferee Muschik seine Mitstreiter ein. „Lieber spät und richtig winken, als früh und falsch. Nicht alles auf die Goldwaage legen. Schön ruhig bleiben! Und lasst euch nicht dadurch verrückt machen, was die Bruchköbeler vorher gesagt haben“, mahnt Muschik seine Jungs. Die beiden Assistenten nicken, entgegnen aber kein Wort. Die Anspannung ist den Unparteiischen in ihren Augen abzulesen.

15 Uhr, endlich Anpfiff. Kaum hat Holger Muschik die mit Spannung erwartete Partie eröffnet, rutscht Hellas-Kicker Coubaoja aus vollem Lauf SG-Spieler Darius Kolodziej beim Flankenlauf nahe der rechten Eckfahne in die Beine. Schiri Muschik ist sofort zur Stelle und zeigt dem Frankfurter Übeltäter die gelbe Karte. Sekunden und den anschließenden Freistoß später steht es bereits in der fünften Minute 1:0 für Bruchköbel. Kolodziej hat sich mit einem Kopfballtor für das Foul gerächt. Sportlich ist das Spiel quasi schon nach acht Minuten entschieden. Die heimischen Zuschauer kommentieren das Tor von Christian Schnarr nach einem 14-Meter-Volleyschuss mit Spitzen an Assistent Heiko Goebel: „Da staunt selbst der Linienrichter nicht schlecht.“

38. Minute. Hellas-Kicker Springhetti versucht mit einem Foul einen Angriff zu stoppen. Muschik lässt weiterspielen und wartet den möglichen Vorteil für Bruchköbel ab. SGB-Torjäger Thorsten Nuhn staubt zum 3:0 ab. Muschik schaut zu seinem Assistenten Goebel an der rechten Linie, der zeigt Tor an, kein Abseits – der Protest der Hellenen in den blau- weißen Trikots hält sich in Grenzen. Muschik zeigt Springhetti Gelb. Kurz zuvor hatte er den ständig die Gegenspieler provozierenden Frankfurter Mittelfeldspieler („Wir sind hier nicht beim Frauenfußball“) schon zur Brust genommen: „Sechser, was ist los? Was schreien Sie hier die ganze Zeit rum? Seien Sie mal ruhig!“

Schon in der Halbzeit ziehen die drei Unparteiischen ein vorläufiges Fazit, das bis zum Ende Gültigkeit haben wird. „Die erste gelbe Karte hat Wirkung gezeigt. Es stand schnell 2:0 für Bruchköbel. Für uns ist alles optimal gelaufen“, erläutert Muschik, der sich auch bei Provokationen der Frankfurter Fußballer auf dem Weg zur Kabine nicht aus der Ruhe bringen ließ: „Noch ein Ton und ich packe in die Tasche und Sie bleiben gleich in der Kabine.“

Aus dem erwartet schweren Spiel ist für die Schiedsrichter in der zweiten Halbzeit ein Selbstläufer geworden. Muschik hat sogar noch Zeit, einem Frankfurter gegen Ende der zweiten Halbzeit nach einem Krampf wieder auf die Beine zu helfen und den Zuschauern mit einer Geste auf seine Pfeife zu erklären, warum es Schiedsrichter-Ball und keinen Einwurf gab. Assistent Markus Hildenbrand bleibt Zeit, die Fragen der griechischen Ersatzbank zu beantworten. „Was passiert, wenn man sagt, dass der Schiri nicht wie Hoyzer ist?“ „Das ist wohl ein Umgehen der Regel“, entgegnet Hildenbrand und lächelt die Griechen an.

„Dafür, dass in Deutschland der Schiedsrichter-Skandal so verbreitet ist, war es eine gute Schiedsrichterleistung – souveräne Linie. Meine gelbe Karte war berechtigt. Das war ein taktisches Foul, es hat nicht geklappt, das Tor ist trotzdem gefallen“, kommentiert selbst Hellas „Schiri-Opfer“ Springhetti nach Spielende die Leistungen von Muschik, Hildenbrand und Goebel durchaus positiv. Auch SGB-Trainer Holger Trimhold zeigte sich nach dem 5:0-Sieg absolut zufrieden mit dem Unparteiischen: „Er hat nicht einen Fehler gemacht und war absolut souverän und dabei auch nicht theatralisch.“

„Er hat nicht einen Fehler gemacht“

Als das Schiedsrichter-Gespann das Stadion in Bruchköbel verlässt, ist es merklich kühler geworden, die Sonne ist fast untergegangen. Doch Muschik und Co. sind zufrieden, dass es an diesem Nachmittag ein Kick der Kategorie „normal zu leitendes Spiel“ und ein „ruhiger Einstieg“ in die Rückrunde geworden ist. „Heute haben es uns die Spieler einfach gemacht. Aber Hellas war ja auch erst wieder zwei Wochen im Training. In der Oberliga, wo die Teams voll fit sind, wäre es ganz anders zur Sache gegangen“, analysiert Muschik, der am kommenden Wochenende wieder in der Region als Schiedsrichter eingesetzt wird. „Am Samstag wird es beim Spiel Eichenzell gegen Rothemann viel schwieriger werden“, prophezeit der 35-Jährige und fügt noch hinzu: „Fehlentscheidungen der Schiedsrichter gehören aber beim Fußball genauso dazu wie nicht genutzte Chancen der Stürmer.“ So mancher Angreifer wird sich von Unparteiischen wie Muschik aber noch eine Scheibe abschneiden können.

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